Heilstätte Belitz

Wer in der Heilstätte Beelitz auf Entdeckungstour geht, wird erst einmal geimpft. Auf dem Gelände soll schließlich keiner die Motten kriegen. "So wie die Motte die Wolle zerfrisst, zerfrisst die Tuberkulose die Lunge", erklärt der Reiseleiter. Die symbolische Impfung mit den "Mottenkugeln" sorgt bei der Sightseeing-Tour prompt für gute Laune.
Die Motten haben: Das wurde früher im Volksmund über jene gesagt, die an Tuberkulose erkrankt waren; einer ansteckenden und nicht selten tödlichen Krankheit. In Beelitz wurden die Tuberkulose-Kranken der Millionenstadt Berlin behandelt. Und das waren damals nicht wenige. Tuberkulose war um 1900 eine Volkskrankheit. Man denke an die Hinterhöfe von Berlin des 19. Jahrhunderts und die Luftverschmutzung durch die Industrialisierung.
Es entstand ein riesiger Krankenhaus-Komplex. Das Areal ist inzwischen eine Ruinen-Landschaft, aber etliche Gebäude stehen noch – vom Heizkraftwerk bis zur Liegekur-Halle. Sogar die alten Operationssäle, einst mit modernster Technik ausgestattet, sind von außen zu sehen. Beelitz-Heilstätten ist das größte und sicherlich eines der spannendsten Denkmäler in Brandenburg.
Sechs Stunden mussten die Patienten jeden Tag bei der Liegekur im Freien liegen. Vom Aufstehen bis zum Zubettgehen war alles streng geregelt. Auf einen Patienten kamen zwei Aufseher. In Beelitz-Heilstätten sei es "doller wie in Moabit" (der Berliner Haftanstalt), schrieb ein Patient im Januar 1912 auf einer Ansichtskarte an seine Verwandten.
Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurde das Areal jeweils zum Lazarett umfunktioniert. Viele Tausend verwundete Soldaten wurden hier behandelt, Ende 1916 auch der Gefreite Adolf Hitler. An der Westfront war Hitler von einem Granatsplitter getroffen worden. Mehrere Wochen kurierte er sich in Beelitz aus.
Nach Kriegsende 1945 übernahm die Rote Armee das Gelände. Mehrere Jahrzehnte beherbergte Beelitz das größte Militärhospital der Sowjets außerhalb der UdSSR. Das ist auch der Hauptgrund, warum viele der Gebäude noch so gut erhalten sind: Sie wurden bis zum Abzug der Sowjets im Jahr 1994 genutzt.
Die letzten Prominenten, die sich in Beelitz aufhielten, waren im April 1990 der gestürzte DDR-Staatschef Erich Honecker und seine Frau. Das Paar lebte in einer der Arztvillen, bewacht von Soldaten der Roten Armee. "Keiner wollte sie mehr haben", erzählt der Reiseführer. In Beelitz fanden die Honeckers für fast ein Jahr Zuflucht. Im März 1991 wurden sie nach Moskau ausgeflogen. Nach dem Abzug der Sowjets 1994 begann der dramatische Verfall der ehemaligen Heilstätten.
Aus den Gebäuden sei "alles geklaut worden, was nicht niet- und nagelfest ist", berichtet der Reiseführer, Badewannen wurden zerschlagen, OP-Bestecke und Verbandsmaterialien entwendet. Vor allem aber auf Bauteile aus wertvollem Buntmetall waren Diebe scharf. Sogar die Kupferdächer wurden in schwindelerregender Höhe abmontiert, um den Rohstoff zu Geld zu machen.
Der morbide Charme zieht Abenteuerlustige an. In den verfallenen Kliniken werden "Horror-Partys" gefeiert, weil es dort angeblich spukt. Nachts seien in den Heilstätten die Schreie der ehemaligen Patienten zu hören, heißt es.
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